Die letzten zwei Wochen war ich auf einer Studienreise in Nordindien. Die durchaus zwiespältigen Eindrücke wiederzugeben, fällt mir nicht so leicht, weil die Faszination, die Indien zweifelsohne auslöst, häufig die gegenläufigen Eindrücke zu überdecken vermag. Neu-Delhi mit seinen 30 Mio. Einwohnern ist eine Metropole, wie wir sie in Europa und erst recht nicht in Deutschland gar nicht kennen. Allein am International Airport Indira Gandhi starten und landen täglich 1.500 internationale Flüge. Zum Vergleich: Am neuen Berliner Flughafen sind es 5 (fünf)! Die Landung dort und der Ausstieg aus dem Flugzeug konfrontiert den Reisenden direkt mit einem der großen Probleme des Landes: Smog. Gerade der Winter mit Inversionswetterlage beschert den nordindischen Großstädten (in Agra und in Verenasi war es ähnlich) eine so schlechte Luftqualität, dass ein eintägiger Aufenthalt ohne Atemmaske dem Konsum einer Packung Zigaretten entspricht. Allein durch die Luftverschmutzung haben die Menschen eine um 7 Jahre verkürzte Lebenserwartung.
Verrückter Verkehr
Der Verkehr ist das zweite, was in Indien gewöhnungsbedürftig ist. Und das schreibe ich als jemand, der in Italien gelebt (und dort Vespa gefahren ist!) und auch arabische Länder bereist hat. Überall dort ist der Verkehr auch chaotisch. In Indien indes scheint es schlechterdings keine Verkehrsregeln zu geben bis auf den Linksverkehr (an den man sich aber auch nicht sklavisch hält, immer wieder hatten wir auch auf der linken Spur Gegenverkehr). Dazu kommt, das eine enorm große Vielfalt an Verkehrsteilnehmern und Fahrzeugen unterwegs ist, wie wir sie ebenfalls nicht kennen. Neben Autos jeder Größe und jedes Alters (vor allem asiatische und einige indische Eigenmarken, vor allem Tata) sind Tuktuks und Rikschas unterwegs, natürlich Lieferwägen und Brummis, enorm viele Zweiradfahrer (auch Motorräder dienen hier dem Güterverkehr und sind äußerst verwegen beladen), aber durchaus auch Pferdegespanne und hin und wieder Lastenelefanten: Einen solchen Elefanten überholten wir auf der Autobahn! Einmal haben wir uns als Fußgänger in den fließenden Verkehr eines Kreisverkehrs eingereiht, weil die Autos auch nicht schneller als Schritttempo fuhren. Die Abwesenheit von Verkehrsregeln führt zu einer sehr großen Aufmerksamkeit aller Verkehrsteilnehmer, denn davon hängt auch das eigene Überleben ab. Was allerdings auf die Dauer unheimlich auf die Nerven geht, ist das fortwährende Gehupe, das mitunter völlig sinnfrei und habituell anmutet.

Natürlich begegnet einem auch auf Schritt und Tritt Armut. Menschen leben hier buchstäblich auf der Straße. Speziell in Delhi haben wir Familien und Menschentrauben gesehen, die sich abends und nachts auf Verkehrsinseln Feuer angezündet haben, denn auch in Indien herrscht gerade Winter und es kann nachts empfindlich kalt werden. Viele Häuser machen einen fast demolierten Eindruck, und doch leben hier Menschen und Familien. Gleichzeitig ist aber spürbar, dass Indien sich wirtschaftlich enorm entwickelt hat: Auch in Indien waren gerade zwei Wochen Weihnachtsferien, denn als multi-religiöses Land feiern die Inder einfach alle religiösen Feste der großen Weltreligionen mit. Und diese Ferien sind auch für Inder eine sehr beliebte Reisezeit, in der sie selbst ihren großen Halbkontinent erkunden – wir haben das an den Haupt-Sightseeing-Punkten deutlich gespürt, wo zum Teil erhebliches Gedränge herrschte, aber die Hauptgästegruppe waren die Inder selbst und nicht etwaige Europäer, die eher eine kleine Minderheit waren. Im Tourismus trifft man auch viele junge Leute, die sich in dieser Branche etwas dazuverdienen, aber eigentlich Studierende sind. Man begegnet an den Hotspots auch wirklich vielen Indern, die häufig erstaunlich gutes Deutsch sprechen – die Deutschen sind die drittgrößte Gruppe unter den internationalen Gästen (nach Engländern und Franzosen).
Irgendein Sicherheitsproblem oder ein Unsicherheitsgefühl habe ich selbst nicht erlebt: Im Gegenteil begegnen die Inder einem als europäischer Gast äußerst höflich und respektvoll. Häufig sind meine Mitreisenden und ich um gemeinsame Fotos gebeten worden. So exotisch, wie Indien und seine Bewohner:innen auf uns wirken, so exotisch sind umgekehrt auch wir für sie. Zootiere, die sich gegenseitig angucken!
Lobhudelei auf Indien
Klingt bis hierher kritischer, als ich Indien auf der Reise empfunden habe. Kommen wir also zur Lobhudelei: Die Menschen in Indien sind großartig. Sie sind warmherzig, sehr gastfreundlich, praktisch nie aufdringlich (was man sonst an Tourismusschwerpunkten ja gerne mal erlebt). Es begegnet einem selbst in den Großstädten eine weit verbreitete Volksreligiösität, die farbenfroh und groovy ist. Die indische Gesellschaft ist mit Sicherheit (aber das ist für ein Entwicklungsland natürlich typisch) viel traditioneller als die unsrige. Aber Tradition ist ja erst einmal nichts Schlechtes, sondern im Gegenteil kann sie auch dabei helfen, das enorme Tempo der gesellschaftlichen Transformation Indiens abzufedern. Natürlich stecken hinter solchen Traditionen auch Rollenklischees und ziemlich striktes hierarchisches Denken, wofür vor allem das berüchtigte Kastensystem steht. Allerdings entstammt ausgerechnet der amtierende Premierminister Narendra Modi einer der unteren Kasten, was zeigt, dass das traditionelle System nicht mehr so fest gefügt ist wie ehedem. Die Hindu-Religion ist nicht so undurchdringlich, wie sie auf den ersten Blick scheint. Man muss fürs erste nur wissen, dass es drei Hauptgötter gibt, denen auch die meisten und größten Tempel geweiht sind. Kompliziert wird es dann bei den diversen Kindern und Reinkarnationen dieser Götter. Neben dem Hinduismus spielen auch der Islam und der Buddhismus in Indien nach wie vor eine Rolle. Das bekannteste Denkmal Indiens, der Taj Mahal, ist beispielsweise in muslimisches Grabmal. In Varanasi, dem wichtigsten Ort für gläubige Hindus, haben wir an der abendlichen religiösen Zeremonie teilgenommen, zusammen mit 80.000 weiteren Menschen! Und diese Veranstaltung findet dort am Ufer des Ganges jeden Tag statt!

Hier aufzuzählen, was wir während der Reise an Sehenswürdigkeiten und Weltkulturerbestätten gesehen und erlebt haben, ist schier nicht möglich. Der große kulturelle Reichtum Indiens zeigt sich vor allem auch in seinen Bauten, in all den Palästen, Tempeln und Forts, die engmaschig die Landkarte überziehen. Hier kann einen der britische Kolonialismus nur überraschen, denn es hat nicht eine höher entwickelte Macht eine deutlich schwächere kolonisiert, sondern fast umgekehrt wurde eine stark entwickelte und sehr reiche Hochkultur von einer im Vergleich eher inferioren Gesellschaft kolonisiert. Dies erfolgte übrigens nicht über eine staatliche Landnahme in Kriegen zwischen zwei Nationen. Es war eine private Handelsgesellschaft, die British East India Company, die sich vom englischen König das Recht auf Erstellung einer Flotte, das exklusive Monopol auf den Handel mit Indien, die Zivilgerichtsbarkeit, die Militärgewalt, das Recht, Festungen zu bauen, Truppen auszuheben, und das Recht, mit indischen Mächten Krieg zu führen und Frieden zu schließen. Der Vergleich zur heutigen Kolonisierung unserer eigenen Welt durch die Big Tech-Firmen des Silicon Valley drängt sich fast auf: Auch heute sind es private Firmen, die beinahe anarchisch handeln können, selbst ihre eigenen Rechtsgrundsätze definieren, eigene Währungen schaffen und auch bizarre Träume der Landnahme verfolgen.
Sightseeing
Jedenfalls haben wir selbstverständlich das Taj Mahal besucht. Äußerst eindrucksvoll war aber auch die Tempelstadt von Khajuraho (Weltkulturerbe), die Burgen und Tempel von Orchha (nebst dem geschäftigen Treiben auf den Straßen dieses kleinen Städtchens), das gigante Fort von Agra (Weltkulturerbe), die Freitagsmoschee in Delhi und das Mahatma Gandhi-Monument ebendort. Neben der Kultur konnten wir auch etwas Wildlife im Ranthambhore Nationalpark erleben, und sind dort sehr früh morgens tatsächlich auf Bären und Leoparden gestoßen (nicht allerdings auf Tiger).
Schließlich, um das Beste zum Schluss zu erzählen, kann man in Indien sehr gut indisch essen. Das war natürlich ein Spaß: Das essen in Indien ist wirklich großartig, und die Vielfalt der Gerichte sowohl in den Restaurants als auch vor allem an den Streetfood-Ständen in den Straßen und Basaren ist enorm. Das Essen ist ordentlich scharf, auch wenn ich immer den Eindruck hatte, dass die Küchenchefs uns noch geschont haben, selbst wenn wir „spicy“ bestellt haben.
















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